Donnerstag, 11. Juni 2009

Eine Erinnerung

Ich wünschte du könntest es sehen.



Wie wir rannten, davonliefen, strauchelten und stolperten.

Der karge Boden riss die Haut unserer blanken Füße auf,

Staub drang in die Wunden und verklumpte zu blutigem Matsch.

Dornen und schmutzige Glasscherben stießen tief in unser Fleisch,

doch wir flohen weiter.



Der brennende Abend machte uns zu Silhouetten.

Wie Figuren in einem chinesischen Schattentheater

tanzten wir den hektischen Tanz der Verfolgten

durch die schwarzen Skelettwälder der Welt.



Schneidet eure Ohren ab, wenn ihr nicht hören wollt!

Was sind sie sonst mehr als Fleischsegel,

die nutzlos im Wind flattern,

der durch eure Köpfe zieht?



Wir zeigten ihnen die Welt

mit einem gramvollen Seufzer.



Stecht eure Augen aus, wenn ihr euch weigert zu sehen!

Was sind sie sonst mehr als Gallertballons

in euren morschen Schädeln?



Wir klagten ihnen von Barbarei

und Bestien in Sakko und Schlips.

Und drückten ihre Gesichter gegen die flimmernden Bildschirme,

die väterlich grinsende Dämonenmäuler in die Welt hinausstrahlten.



Doch sie wanden ihre Köpfe ab

auf ein Haus mit Kind.



Das Entsetzen traf uns unerwartet,

schnallte uns fest auf eine Knochenpritsche

und träufelte uns tröpfchenweise

Enttäuschung in die Gurgeln.



„Seid ihr so erstarrt? Steckt ihr so tief drin?

Könnt ihr das glauben?

Seht ihr nicht, dass ihr euch mehr schuldet?“



Blicke huschten über Seiten voller Information.

Ein-sau-gen.

Das Hirn muss voll sein, muss gut gemästet sein.

Es geht nicht um Erkenntnis,

es geht um Masse und wörtliche Wiedergabe.

So ist’s fein.



Ich wünschte, wünschte du könntest es sehen.



Wir nahmen uns bei der Hand.

Und rauf auf den Hügel.

Lorbeersträucher, Salbei, und Zypressen.

Ginster und Oleander zu unseren Seiten,

Olivenbäume unten im Tal.

Dort oben!

Ein Haus drängt sich in den Weinberg.

Das knorrige Großmütterchen lieh uns eine

Kurzwellenrundfunkstation.



Durch ein modriges, versabbertes Mikrophon

flüsterten wir es in alle Ecken der Welt.

Bis nach Sibirien und Feuerland.

Schon erhob sich ein unschuldiges Pfeifen

über dem Globus.



Beißt eure Lippen ab, wenn ihr euch weigert Wahrheit zu sprechen!

Was sind sie sonst mehr als Blutschläuche,

die wabblig tatternd Gestotter

und Unsinn verbreiten.



Zu Füßen der maritimen Sonne

glitten wir auf Zephyrswogen

in Unbekannte Breiten.

Immer auf der Flucht.

Und immer auf der Fährte.



Rum um die Ecke.

rüber über den Fluss,

runter unter den Stein

und rein,

rein in die weite Stadt.



Hand in Hand kritzelten wir

mit ausgetrockneten Kugelschreibern

Nachrichten auf den Beton

und kratzten kritische Kommentare

in den aalglatten Gehsteig.



Und dann

die Sirenen.

Und Chaos.

Und Wirbel.

Und Versagen.



Und das leuchten der Sonnenstrahlen,

das mir durch die schimmernden Löcher in deiner Brust

entgegenschien.



Schweigen.



Und nun...



Ich wünschte, mehr als alles; mehr als Frieden, mehr als Leben,

Dass du es sehen könntest.



Ein brennendes Feld

Asche auf Asche auf Knochen auf Dreck.

Salzkrusten und Schwefelkrater

Und über allem

ein blauer weiter Himmel

mit Schäfchenwolken.

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